Tschüss Big Tech: Wie ich zu einem fast vollständig europäischen Stack gewechselt bin (und 500€ im Jahr spare)
Auf Nimmerwiedersehen? Es ist jetzt gut über 6 Monate her, dass ich Big Tech den Rückengekehrt habe. Dies hier ist der Recap und die deutsche Auflage meines original Artikels.
Lange Zeit hieß es, wer Privatsphäre und Datensouveränität will, muss auf Benutzerfreundlichkeit verzichten. Aber nachdem ich mich in meinen neuen Stack eingelebt habe, merke ich: Das stimmt nicht mehr. Die meisten dieser Tools sind nicht nur privater, sie sind deutlich besser als die US-amerikanischen Giganten, die ich hinter mir gelassen habe.
Hier ist eine Übersicht der Tools, die ich nutze, das Geld, das ich spare, und die wenigen Hürden, über die ich noch (immer) stolpere.
Übrigens: Dieser Beitrag richtet sich an persönliche Setups, nicht an Unternehmen. Die meisten Tools lassen sich aber auch für Teams und Firmen nutzen.
Das Rückgrat: Das Proton-Ökosystem
Den größten Einfluss auf diese Migration hatte Proton. Das Unternehmen hat sich von einem einfachen Anbieter verschlüsselter E-Mails zu einem (fast) vollständigen Produktivitäts-Komplettpaket entwickelt.
Kurze Anmerkung vorab: Ja, Proton ist nicht in der EU ansässig, aber der Schweizer Datenschutz ist mit den EU-Anforderungen abgestimmt und in manchen Bereichen sogar strenger, in anderen wiederum flexibler für Nutzer und Anbieter.
Mein Abonnement umfasst jetzt:
Mail & Kalender: Verschlüsselt und aufgeräumt.
Drive: Sicherer Cloud-Speicher, seit einer Weile mit Docs, und jetzt auch mit Tables.
Proton Pass: Ein solider Passwortmanager mit 2FA-Integration.
VPN: Schnell und zuverlässig.
Meet: Recht neu, brauch ich nicht wirklich oft aber funktioniert auch sauber
Lumo AI: Eine datenschutzorientierte KI, ich nutze sie noch nicht regelmäßig, hab kein Abo dazu. aber dazu gleich mehr.
Außerdem benutze ich Standard Notes: Mein bevorzugtes Notiztool, unterstützt vom Proton-Team. (ABER, es ist ein US Unternehmen. Warum nutze ich es trotzdem? a) Sourcecode ist offen, ich kann jederzeit davon Weg b) ich kann es selber hosten c) starke Verschlüsselung ((ja, ja, kann man immer knacken etc…))).
Andere Tools kommen auch nicht in Frage, da oft einfach zu langsam. Anytype ist ein No-Go. Capacities eine Feature-Chaos… Und Obsidian ist mein Knowledge Graph, und auch zu langsam.
Zurück zu Proton: Alles ist integriert und die Nutzererfahrung ist Gut. Proton Drive ist auf dem Smartphone viel zu langsam. Nutze es dort aber auch selten.
Dieses Setup ersetzt für mich Google Drive und das Gmail-Ökosystem plus NordVPN, Notion, 1Password und einen Authenticator.
Neugierig? Ich hinterlasse hier meinen Empfehlungslink.
Meine gemischte KI-Strategie
KI ist das Schwierigste, von Big Tech zu lösen.
Für sehr sensible KI-Aufgaben in meinem Workflow nutze ich Lumo AI. Es eignet sich gut für schnelle, private Anfragen, ohne großes Reasoning, Research etc., jedoch habe ich kein Abo, der Free Tier reicht mir aus.
Manchmal braucht man aber rohe Rechenleistung. Dafür habe ich angefangen, Mammouth zu nutzen, weniger aus Datenschutzgründen, sondern wegen des unschlagbaren Preis-Leistungs-Verhältnisses. Für 10€ Zugang zu allen gängigen KI-Modellen (einschließlich Bildgenerierung) ist einfach unglaublich.
Meine Standardauswahl bei Mammouth sieht so aus, man kann die Modelle nach Priorität sortieren, das ganz linke ist der Standard:
Die zwei Modelle, die ich am häufigsten nutze, sind Mistral Medium 3.1 und Flux 2 Pro oder Flux Fast. Für einfache Coding-Aufgaben verwende ich ebenfalls Mistral, bei größeren Codebasen gebe ich aber zu, dass ich auf Claude Code mit Opus zurückgreife.
Für Recherchen erledigt Mistral seinen Job. Bei komplexeren Themen liefert Gemini oft die besten Ergebnisse.
Und Flux für Bilder ist fantastisch, hat aber meiner Meinung nach einen großen Nachteil: Man muss sehr präzise Anweisungen geben. Während ein „Nano Banana” auch aus kurzen, einfachen Eingaben kreativ wird, braucht Flux genaue Vorgaben.
Was sich noch stark geändert hat: Ich nutze lokal in AnythingLLM Whisper um quasi Sprachnotizen zu machen oder aber auch Meetings aufzuzeichnen. Whisper ist hier imo 100 mal besser als Copilot (muss/darf ich an der Arbeit verwenden), weil es Multi-Lingual kann, was Copilot nicht beherrscht. Meeting Summaries etc. kann es auch und das alles lokal.
Browser, Suche und Sprache
Browser: Ich bin zu Vivaldi gewechselt. Hochgradig anpassbar und respektiert die Nutzerdaten. Und nutze als Backup wenns mal auf ner Webseite klemmt Brave.
Suche: Mein Standard ist Ecosia. Es funktioniert gut und Bäume beim Suchen zu pflanzen gibt dem gedankenlosen Scrollen eine nette Bedeutung.
Manchmal muss ich aber doch auf Google zurückgreifen.Übersetzung: DeepL nutze ich schon ewig. Es ist nach meiner Einschätzung Google Translate in Sachen Nuancen und Qualität noch immer weit voraus.
Rechtschreibprüfung: … Hier habe ich noch keine gute Alternative gefunden und bleibe bei Grammarly.
Infrastruktur: Hosting & Domains
Für meine Website und Domains habe ich alles zu Scaleway umgezogen.
Wer technisch versiert ist, wird diesen Wechsel zu schätzen wissen. Der Dienst ist schlank, einfach und bietet alles, was man als Cloud-Anbieter braucht ohne den Overhead von AWS oder Azure. Und günstiger ist er auch.
Kreativität & Aufgabenverwaltung
Canva… was soll ich sagen.
Dank einer Diskussion auf LinkedIn habe ich Superlist entdeckt, zu dem ich von Todoist gewechselt bin. Zwischendurch hatte ich auch kurz MeisterTask ausprobiert, aber das war reine Zeitverschwendung.
MeisterTask fühlt sich an wie ein Kindergartenspielplatz: zu viel buntes Design und zu wenig echte Funktionalität. Es ist zu 100% nicht intuitiv für irgendeinen Workflow.
Ich bin jetzt bei Superlist und sehr zufrieden.
Die Wirtschaftlichkeit: Datenschutz ist tatsächlich günstiger
Wir nehmen oft an, dass „Boutique”-Datenschutztools einen Aufpreis kosten. Meine Migration hat mir das Gegenteil bewiesen. Anfangs hatte ich nur von einer kleinen Ersparnis geschrieben, hatte aber die Kosten für Notion, Todoist, 1Password, Claude und Canva übersehen, da ich mich auf die „Office”-Suite konzentriert hatte.
Alter Stack: ca. 83€/Monat
Neuer EU-Stack: ca. 39€/Monat
Ich spare über 528€ im Jahr und besitze dabei den Großteil meiner Daten.
Was man dazu sagen muss:
Sovereignty ist kein An/Aus Schalter, sonder ergibt sich immer aus der Frage wie Souverän kann ich werden ohne das ich Autark bin und damit aber wiederum die Anknüpfung ans Weltgeschehen verliere. Denn…
Open Source und Autarkie oder wie man es in 2026 schafft wie im Mittelalter zu leben
Auf meinen original Post in Englisch hab ich sehr viel Feedback bekommen, positiv wie auch sämtliche Schwurbler, Weltverschwörer und “An jeder Ecke gibts nen Spion”. (Um die gehts mir aber nicht hierbei).
Denn wer sich auch sehr oft bemüht ist die Ecke “Souveränität gibts nicht”, “alles muss Open Source sein, koste es was es wolle”, “Du musst alles selbst hosten” usw.
Ganz ehrlich, das ist der größte Blödsinn. 99% der Menschen ist nicht in der Lage etwas selbst zu Hosten. Und das müssen sie auch nicht. Mir geht es darum einen Ansatz zu zeigen der für Jedermann/frau funktionieren kann.
Und natürlich gibt es Tools die noch losgelöster sind und noch mehr Autarkie versprechen. Viele dieser Lösungen sind aber er nicht Benutzerfreundlich oder Esthetisch in der Nutzung und Bedarfen sehr viel Pflege und Aufwand.
Wo Licht ist, ist auch Schatten
Ich möchte aber auch transparent sein: Nicht alles lässt sich vermeiden, und manches ist einfach umständlicher.
Das „schlechte Gewissen”: Als Technikbegeisterter macht es mir zu viel Spaß mit Claude Code zu arbeiten. Das ist ein Luxus, den ich mir gönne.
Ich schalte das Abo daher gelegentlich ein.Bin wieder im dauer Abo Modus, “Code” aber quasi täglich. Wer diesen Anwendungsfall nicht hat: → Mistral, LumoDas soziale Netz: LinkedIn, GitHub, YouTube, Medium, Substack und Co. lassen sich einfach nicht umgehen, wenn man vernetzt bleiben will.
Komfort:
Google SSO fehlt mir. Es ist überall, und der Verlust dieses „Ein-Klick-Logins” macht das Leben ein kleines bisschen umständlicher.Ich habe alle Logins auf Proton Pass mit MFA und Passkey migriert, wo immer möglich. Aber man ist immer sehr in Versuchung den Google Knopf zu drücken.Office-Suite:
Ich tue mich schwer, mich an LibreOffice und Collabora Online zu gewöhnen. Sie fühlen sich ähnlich wie MS Office an, aber eben „nicht ganz”. Da ich für den persönlichen Gebrauch nicht täglich Dokumente oder Tabellen erstelle, fühlt sich die Lernkurve steiler an als nötig.Egal → Proton Docs und Sheets erledigen das. Im schlimmsten Fall nehme ich für Präsentationen Canva, das zahle ich sowieso.Bloggen, Newsletter & Co.: Wie man sieht, schreibe ich auf Substack. Alternativen gibt es kaum, außer alles selbst zu hosten, aber das macht für mich gerade keinen Sinn.
Die unerwarteten Entdeckungen
Es gab auch einige positive Nebeneffekte. Die Proton-Plattform selbst bietet alles für den täglichen Bedarf.
Außerdem bin ich mit meiner Frau auf einen Duo-Plan umgestiegen. Gemeinsam haben wir 2TB Speicher für Mails, Dateien usw. Vorher hatten wir 30GB bei Gmail für etwas mehr Geld.
Proton Pass erstellt anonyme E-Mail-Adressen, falls man die echte Adresse nicht verwenden möchte, das spielt voll auf Protons Datenschutzphilosophie ein.
Superlist ist kostenlos für dieselben Funktionen, für die ich bei Todoist ein kleines Abo bezahlt habe.
Und schließlich kämpfe ich immer wieder mit Notizen. Ich habe alles getestet und angefangen, etwas Komplexes in Notion aufzubauen. Ich bin froh, dass ich es löschen und einfach Standard Notes jetzt nutze. Einfach gesagt: Es ist wie Notizen von Apple, aber Ende-zu-Ende-verschlüsselt und offline sicherbar. Am hilfreichsten war aber, dass ich endlich einen effizienten Umgang mit Notizen gefunden habe, schlank, sauber und funktional.
Fazit
Mit Proton, Scaleway, Mammouth, Vivaldi, Superlist und DeepL habe ich ein nützliches Werkzeugset aufgebaut, das meiner Meinung nach das übertrifft, was ich vorher hatte.
Die Apps sind übersichtlicher, die Benutzeroberflächen oft benutzerfreundlicher, und die Migration war überraschend einfach. Und das Beste: Ich kann mit meinem Tech-Stack mehr tun für weniger Geld.
Wer noch zögert, zu EU-gehosteten Lösungen zu wechseln: Wagt den Schritt. Es lohnt sich.



